Satire, Alltägliches und andere Absurditäten

 

Glücklich allein

„Schatz Aufwachen!“... Niemand nötigt mich morgens lautstark aus dem Bett, wenn ich den Wecker nicht höre. Ich kann nun meine Revolte-Triebe befriedigen, in dem ich außerhalb der Kernarbeitszeit meine Arbeit verrichte. Ich habe wieder neu gelernt, das sich im Fünf-Minuten-Abstand wiederholende und rund eine Stunde dauernde Gepiepse meines Weckers vollständig zu überhören.

            Aufstehen, ins Badezimmer schlurfen, vor den Spiegel treten. Der ist immer für mein Antlitz frei. Und die Schlaffalten und verquollenen Augen sehe nur ich. Niemand spricht mich in diesem wichtigen Moment, in dem ich mich das erste Mal an diesem Tag – wenigstens optisch – selbst sehe, darauf an. Niemand schlägt mir gar vor, ich solle mal früher ins Bett gehen. Ich muss mir auch keine Sätze anhören wie: „Schatz, trink doch nicht immer so viel“ oder „Schatz, du solltest dich mehr bewegen, am besten an der frischen Luft, dann würdest du gesünder aussehen.“ Niemand schlägt mir vor, wie ich die Zähne gründlicher sauber bekomme, und wedelt mit Zahnseide vor meiner Nase. Niemand stört sich an meinen Haaren, die mit zunehmendem Alter immer buschiger meine Nasenöffnungen zieren. Morgen, ja morgen werd ich mich wieder damit befassen, oder übermorgen.

            Die Kleidung ist schnell ausgewählt, ohne Kommentare wie „Schatz, das hattest du schon gestern und vorgestern an!“ oder „Schatz, du kannst unmöglich zu dieser Hose solche Schuhe anziehen!“. Dass ich beim Gürtel schließen vom drittletzten Loch aufs Zweitletzte wechseln musste, hat niemand außer mir bemerkt. Weshalb mir niemand sagt, dass sich mit der veränderten Körperfülle der Cholesterinwert im Blut erhöht haben könnte. Was mich wiederum lang anhaltend beunruhigen würde. Denn ich hasse Arztbesuche. Arztbesuche sind ja auch so peinlich. Da liest man aus lauter Langeweile die Gala, Bunte, Frau im Spiegel. Das kann man dann niemandem erzählen. Und so ein Geheimnis ist eine echte Belastung. Da ziehe es vor, ständig die Angst vor einem Herzinfarkt mit mir herumzutragen.

            In die Küche schlurfen, Kaffe aufsetzten. Uuups, Kaffeepulver daneben gekippt, auf dem Fußboden gelandet. Mit einer lange geübten eleganten Bewegung mit dem rechten Fuß kann man so ein Kaffeehäufchen leicht in die Ecke befördern, wo es erst mal nicht mehr stört. Niemand fragt mich „ Schatz, das willst du aber jetzt nicht wirklich so liegen lassen?“. Und niemand drückt mir eine Kehrschaufel in die Hand – ein nach gerade mal zehn Minuten wach sein in seiner Komplexität kaum zu übertreffendes Werkzeug. Das ist, als wenn man einem Blinden sagen würde: „Sieh mal dort drüben“.

            Obwohl der Kaffe jeden Morgen in seiner Stärke variiert – das daneben plumpsende Kaffeepulver ist eben nicht jedes Mal gleich viel – schmeckt er immer köstlich. Und ebenso die Zigarette dazu. Natürlich auch deshalb, weil niemand mich fragt „Schatz, musst du denn schon morgens rauchen?“. Niemand weist mich dann in einem endlos scheinenden Monolog auf die Gefahren der morgentlichen Zigarette und – zu allem Überfluss – des Rauchens an sich hin. Dabei könnte man das mit dem Rauchen ja positiv sehen: Raucherkinder erben früher! Und die Rentenkassen sind eh geplündert.

            Die Zeitung muss ich nicht teilen. Und keiner erzählt mir aus dem Kommunalteil, während ich mich auf die Wetterprognose zu konzentrieren versuche. Niemand weist mich wegen der Kaffeeflecken zurecht die ich auf einzelnen Teilen der Zeitung hinterlassen habe. Niemand schildert mir während der Zeitungslektüre seinen geplanten Tagesablauf in allen Details. Einen Tagesablauf der so umfangreich scheint, dass ich ein fürchterlich schlechtes Gewissen bekomme. Warum? Weil ich meine Arbeit angesichts ihrer vielfältigen Tagesaufgaben plötzlich so monoton und unwichtig empfinde. Niemand fragt mich, wenn mein Selbstwertgefühl dann fast vollständig entschwunden ist: „Schatz, könntest du heute zum Elternabend unseres Jüngsten gehen?“. Was ich, genötigt durch ihre vorherige Tagesablaufschilderung, nur mit einem Ja beantworten dürfte. Denn ein Nein würde kompletten Liebesentzug auf unabsehbare Zeit verursachen. Und Liebe braucht man nun wirklich, um ein Zusammenleben als Paar zu überleben.

            Niemand verabschiedet mich an der Tür mit der Frage „Schatz, wann kommst heute nach Hause?“. Und niemand nötigt mich mit einem rasch auf die Frage folgenden dicken Kuss, heute mal früher zu kommen. Niemand musste mal schnell mit dem Auto ein paar wichtige Dinge erledigen. Ich kann jederzeit damit zur Arbeit fahren. Auch hatte Niemand es am Abend zuvor benutzt und vergessen mir zu sagen, dass es fünf Straßen weiter geparkt ist, was mich weiter als mir lieb ist von der Kernarbeitszeit entfernt. Niemand hatte am Abend zuvor das Radio so laut gedreht, dass einem beim Drehen des Zündschlüssels beinahe die Trommelfelder platzen. Niemand hat alle Ablagefächer mit allerlei notwendigen Utensilien zugestapelt. Niemand hat einen Traumfänger am Rückspiegel aufgehängt, der bei Rechtskurven so fürchterlich in der Nase kitzelt. Niemand hat meine Notreserve Tabak aus dem Handschuhfach entfernt, mit der Begründung es seien nur noch Krümel gewesen. Niemand hat den Tank bis unter die Reservemarke leer gefahren, den Reservekanister längst gebraucht und nie wieder aufgefüllt. So, dass es zum Glücksspiel wird, zur nächsten Tankstelle zu kommen. Niemand hat die schönen Alufelgen an Bordsteinen zerkratzt um, darauf angesprochen, voller Inbrunst zu sagen „Schatz, ich war das ganz sicher nicht, das war schon vorher!“.

            Niemand stört mich bei der Arbeit mit Anrufen, in denen es darum geht, dass ich auf dem Heimweg ein paar klitzekleine Besorgungen machen sollte. Niemand empfängt mich dann zu Hause mit bösen Blicken, weil ich eine Besorgung vergessen hatte, ohne mir die Chance zu geben, das zu erklären. Nämlich dass ich die Aufzählung so schnell nicht mitschreiben konnte und sie nach dem Telefonat aus dem Gedächtnis abrufen musste. Niemand fragt mich, glücklich zu Hause angekommen, „Schatz, wie war’s denn bei der Arbeit?“. Ich kann mich einfach ungestört auf den Feierabend konzentrieren. Ich kann mir etwas zu Essen zubereiten, was nur mir schmeckt. Ich kann, ohne böse Blicke aushalten zu müssen, nachwürzen, so viel ich will. Ich kann ein Bierchen aus der Flasche oder einen Saft direkt aus dem Tetrapack dazu trinken. Ich kann den Fernseher beim Essen einschalten und zwischen dem grausamen Intrigenspiel in Folge „Anna und die Liebe“ und der Blödelserie „Two and a half men“ hin und her zappen. Und keiner sagt „Schatz, kommt da nicht eben der Bericht auf Arte über die hungernden HIV-Kranken in Diktatoristan, die im Kindesalter zu unmenschlicher Arbeit gezwungen wurden um dann im Erwachsenenalter hingerichtet zu werden, nur weil sie ein mal das Kopftuch auf der Wäscheleine anstatt auf dem Kopf hatten? Wenn du schon die Glotze anmachen musst, solltest du dir so was ansehen. Nicht so niveauloses Zeugs.“

            Ich kann im Internet rumsurfen so viel ich will, verrückteste Beiträge zu absurdesten Themen lesen und ungestört und lautstark darüber lachen ohne die Frage beantworten zu müssen „Schatz was machst du da?“ Ich kann einfach dasitzen und über die wichtigsten Fragen des Lebens grübeln. Zum Beispiel, ob eine zielgruppenorientierte Visitenkarte besser ist als die Standardform, oder ob es wirklich ein überschaubares Maß an Verzweiflung braucht um besonders kreativ sein zu können. Niemand findet mich in solchen Momenten unproduktiv und reißt mich aus meinen Gedanken mit dem Satz „Schatz, geht es dir nicht gut?“. Niemand hält mich, wenn ich mit meiner Grübelei nicht weiterkomme, davon ab, noch ein Bier zu schlürfen, zu Hause oder an einer Theke. Oder noch einen blöden Film anzuschauen oder am Motorrad rumzuschrauben. Oder mich im örtlichen Kulturverein abendfüllend mit Kultur berieseln zu lassen. Ich muss niemanden anstandshalber fragen, ob sie mich begleiten will.

            Ab ins Bett, und ich muss mich im Winter nicht zwei Mal, vor Kälte zitternd, in die Embrionalstellung begeben, weil wie immer die als Frage getarnte Aufforderung kam „Schatz, wärst du so lieb mir meinen Platz vorzuwärmen bis ich komme?“. Ich muss keinen anstrengenden Arbeitstag vorschützen, und sie muss sich nicht auf ihre Migräne, Regelbeschwerden, die falsche Mondphase oder einen sehr ungünstigen Eintrag im Tageshoroskop berufen, wenn nur einer Sex haben will. Ich habe keinen Sex mit Tabus, keinen zu langweiligen, zu animalischen, zu verspielten, zu schnellen, zu langsamen, zu anstrengenden oder ganz und gar unbefriedigenden Sex. Ich kann jederzeit aufstehen und eine Zigarette rauchen. Ich muss nicht mehr stundenlang kuscheln danach. Ich kann noch lesen, so lange ich will. Keiner sagt „Schatz, mach doch bitte das Licht aus. Ich muss morgen früh raus!“, während die lustige Schlafbrille mit dem Aufdruck „Augenlichtschranke“ auf ihrem Nachtschränkchen verstaubt. Und wenn ich doch noch ein Mal mitten in der Nacht aufwache weil die Luft durch einen frisch verbreiteten Furz leicht eingedickt ist, muss sich keiner die peinliche Frage stellen wer Schuld hatte.

            Mal ganz ehrlich, ich bin froh dass ich kein Schatz mehr bin. Würde man mich tatsächlich wie einen echten Schatz wertschätzen, dann würde man mich doch sorgfältiger behandeln, nicht ständig nur ge- und verbrauchen. Ich empfinde mich als zu wertvoll, um nur ein Schatz zu sein. Ich weiß, dass es auch anders geht. Doch so lange ich das nicht selbst erleben kann, bin ich einfach glücklich allein.

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